“Mythos“ Familien-Spritzgebäck: Plätzchen mit mehr Tradition, als ich dachte

 Spritzgebäck herstellen

Spritzgebäck

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Aaaah, es weihnachtet wieder. Eigentlich bin ich der totale Weihnachtsfan, aber in den letzten Jahren ist mein Weihnachtsgefühl etwas abgeflaut. Wir waren sogar schon so weihnachts-unlustig, dass wir überlegt haben, überhaupt einen Baum zu kaufen. Die weihnachtliche Unlust lag bei mir vor allem daran, dass meine Familie kleiner geworden ist. Mein Vater ist schon viele Jahre tot und fehlt mir immer noch sehr, aber seit dem Tod meiner Mutter vor drei Jahren ist Weihnachten neben der Vorfreude und Begeisterung mit noch mehr schmerzlichen Erinnerungen verbunden. Die Weihnachtsfeste meiner Kindheit waren nämlich einfach wunderbar, aber das erzähle ich euch einmal in einem anderen Blogbeitrag.

In diesem Jahr freue ich mich aber wieder ganz besonders auf das Weihnachtsfest. Ich bin fast schon richtig aufgeregt und voller Vorfreude. Es wird Sissi geben, wundervollen Entenbraten und selbstverständlich auch einen Baum. Der Grund für meine Begeisterung ist klein, blond und ganz zauberhaft: Unsere erste Enkelin ist schon fast zwei Jahre alt und nimmt zum ersten Mal bewusst Weihnachten wahr. Es klingt vielleicht ein wenig kitschig und wie aus einem Heimatfilm, aber wenn die Kleine mit strahlenden Augen auf dem Weihnachtsmarkt in die Lämpchen guckt, wird mir ganz warm ums Herz.

Und deshalb darf natürlich ein weiteres Kernelement des traditionellen Cölfenschen Weihnachtsfestes nicht fehlen: das Spritzgebäck!!!

Seit ich denken kann, wurde immer kurz vor Weihnachten mindestens ein großer Topf Spritzgebäck gebacken.

Spritzgebäck = Weihnachten

Natürlich habe ich meiner Mutter immer beim Backen geholfen. Stundenlang haben wir den Teig durch den guten Alexanderwerk-Fleischwolf gedreht, Blech für Blech gebacken und die Bleche zum Abkühlen immer zwischendurch vor die Küchentür gestellt. Hier und da habe ich auch vom Teig genascht, aber von den fertigen Plätzchen durfte ich höchstens eines kosten. Der volle Topf wurde nach oben ins elterliche Schlafzimmer gebracht, weil es dort am kühlsten war. Und alles Betteln und Bitten half nichts: Spritzgebäck gab es erst Heiligabend, wo es neben jeweils 2 Tafeln der Lieblingsschokolade, Marzipankartoffeln, Unmengen von Trüffelpralinen vom Cafe Dobbelstein in Duisburg und natürlich auch selbst gebackenen Butterplätzchen fester Bestandteil der bunten Teller war. Und das waren vielleicht Teller; du meine Güte. Obst und Nüsse hatten nichts darauf zu suchen. Hier und da verirrte sich zwar mal eine Alibi-Mandarine dazwischen, aber ansonsten war das ein reines Zuckerfest.
Und neben diesen wunderbaren Kindheitserinnerungen, die DAS Familien-Spritzgebäck immer in mir hervorruft, schmeckt es einfach göttlich. Knusprig, mürbe, super butterig und überhaupt total nach Weihnachten. Wann immer ich das Spritzgebäck verschenkt habe, waren die Esser - egal ob jung oder alt- begeistert.

„Familienrezept“

Für mich stand immer fest, dass das Spritzgebäck-Rezept seit Urzeiten in unserer Familie war und streng gehütet wurde. Und da meine Mutter eigentlich nie nach Rezept gebacken oder gekocht hat, war ich mir eigentlich sogar sicher, dass es nicht einmal niedergeschrieben, sondern immer nur mündlich tradiert worden ist. Ein kostbarer Schatz also. Ein Geheimnis, das von der Mutter zur Tochter und so weiter...

Als ich dann meinen eigenen Haushalt hatte, wollte ich natürlich auch die tollsten Weihnachtsplätzchen der Welt backen und fragte meine Mutter nach besagtem Familiengeheimnis. Und - oh Wunder - es gab ein Rezept. Von Hand niedergeschrieben von meiner Oma mütterlicherseits. Und seitdem backe ich mein Spritzgebäck jedes Jahr kurz vor Weihnachten nach eben diesem Familiengeheimnis. Ich stecke es den Nachbarn in die kleinen Säckchen mit den Weihnachtspräsenten und habe es der depressiven Oma meines Mannes ins Altenheim gebracht. Sie hatte eine Schwäche für Süßes und war immer hingerissen. Und selbstverständlich mache ich jedes Jahr meine Famile damit glücklich.

 
"Familienrezept"
 

Vor drei Jahren kam dann die große Ernüchterung. Als ich den Nachlass meiner Mutter durchgesehen habe, fand ich ein kleines, stark vergilbtes Zettelchen von der Firma Alexanderwerk. Mindestens aus den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts. Zerrissen und verschlissen, aber noch gut leserlich. Wahrscheinlich gehörte es zum Lieferumfang des Fleischwolfes. Und da stand es dann, mein streng gehütetets Familienrezept. „Feines Spritzgebäck“ hieß es also offiziell, sieh an. Mit 50g mehr Mandeln, aber ansonsten identisch.

 
 
 
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Ich muss zugeben, dass ich schon ein wenig enttäuscht war. Heute denke ich, dass meine Mutter vielleicht gar nicht wusste, dass sie diesen Zettel besessen hat und - wie ich - das Rezept von ihrer Mutter bekommen hatte.

Aber einmal abgesehen von seiner für mich etwas traurigen Geschichte ist das Rezept einfach grandios. Mit ordentlich Zucker und tonnenweise „guter Butter“ - wie es zur Nachkriegszeit eben üblich war. Ohne Backpulver und irgendwelchen Firlefanz. Ich habe es bis heute nicht verändert bis auf die Zugabe eines Hauchs Tonkabohne, den man nur andeutungsweise schmeckt.
Und nun möchte ich euch herzlich einladen, „mein“ Spritzgebäck auch einmal zu backen. Ich glaube, ihr werdet es nicht bereuen.

Ich habe gerade wieder einen Topf voll fertig gebacken. Nein, falsch. Nicht "einen" Topf, sondern den Original Spritzgebäck-Topf meiner Mama, den ich geerbt habe und über alles liebe.

Er stammt aus dem Haushalt der Molkerei meiner Großeltern väterlicherseits, und ich hoffe, dass er mir noch lange erhalten bleibt. Und auch mein Fleischwolf ist der alte Alexanderwerk meiner Mutter. Und wer weiß? Vielleicht backt meine Tochter ja auch einmal Spritzgebäck nach diesem "Familienrezept". Und dann meine Enkelin. Auf jeden Fall ist das mit dem Tradieren leichter geworden. Ich glaube, ich schicke meiner Tochter jetzt mal den Link zu diesem Blogbeitrag :-)

 

 

Besonders feines Spritzgebäck

 
 

Zutaten:

  • 1000 g Mehl (gern 550er)
  • 625 g Butter in Stücken
  • 500 g Zucker
  • 2 Eier
  • Mark einer Vanilleschote
  • 200 g gemahlene Mandeln
  • 1 Prise Salz
  • optional etwas Abrieb von der Tonkabohne
Achtung: Das Rezept ist zur Verarbeitung im Fleischwolf mit Spritzgebäckvorsatz gedacht; für die Gebäckpresse ist der Teig zu fest.

Zubereitung:

  1. Einfacher könnte es nicht sein. Alle Zutaten in eine große Schüssel und mit dem Knethaken zu einem krümeligen Teig verarbeiten. Ich verknete den Teig immer in der großen Kenwood Titanium Major Küchenmaschine auf kleinster Stufe mit dem Flexi-Rührelement.
    Zubereitung im Thermomix: Ich finde nicht, dass der Teig im Thermomix so gut wird. Man kann immer nur die Hälfte des Teiges auf Knetstufe in ca. 3-4 Minuten zubereiten. Dabei muss man immer wieder mit dem Spatel nachhelfen. Mit einfachen Knethaken oder dem Rührelement einer Stand-Küchenmaschine wird der Teig viel lockerer und mürber, weil er nicht so lange bearbeitet wird.

  2. Den Teig auf der Arbeitsfläche kurz zusammennehmen (nicht mehr kneten) und flach auf einen Teller drücken. Mit Frischhaltefolie abgedeckt ca. eine Stunde in den Kühlschrank legen. Das ist wichtig, weil der kalte Teig einfach er zu bearbeiten ist und die Plätzchen besser ihre Form behalten.

  3. Den Teig aus dem Kühlschrank nehmen und den Backofen auf 180 Grad (Heißluft 165 Grad) vorheizen. Backblech mit Backpapier auslegen (ich arbeite immer mit 3 oder 4 Blechen), den Fleischwolf am Tisch befestigen und den Spritzgebäckvorsatz anbringen.

  4. Den Teig durch den Fleischwolf drehen und Plätzchen auf das Backblech legen. Ich lege immer dieselbe Sorte Plätzchen auf ein Blech, damit alle gleichzeitig gar werden.

  5. Plätzchen je nach gewünschtem Bräunungsgrad ca. 11-13 Minuten backen und auf einem Kuchengitter abkühlen lassen.

  6. Wer mag, kann die fertigen und ausgekühlten Plätzchen noch mit Schokolade bestreichen.